Impuls zum 21. Juni 2026
Von Ferdinand Kerstiens (Marl), pax christi Münster
Erbsünde
Inzwischen ist es 65 Jahre her: Als junger Kaplan besuchte ich eine junge Frau im Krankenhaus, um ihr zur Geburt ihres ersten Kindes zu gratulieren. Sie war eine beliebte Gruppenleiterin einer Mädchengruppe in der Gemeinde. Sie fragte mich: “Wann taufen Sie denn mein Kind?“ Ich: „Kommen Sie doch erstmal nach Hause und dann bereiten wir mit Ihrer Familie und Ihrer ganzen Gruppe ein schönes Fest vor.“ Sie daraufhin: „Ich ertrage es aber nicht, dass ich so lange neben einem Teufelskind liegen muss.“ Ich spontan: „Ich dachte, es wäre Ihr Kind!“ Das Gespräch führte nicht weiter. Am Tag drauf taufte ich das Kind in der Kapelle des Krankenhauses.
Lesung Röm 5,12-15
„Wie durch einen einzigen Menschen die Sünde in die Welt kam und durch die Sünde der Tod, und auf diese Weise der Tod zu allen Menschen gelangte, weil alle sündigten…. Anders als mit der Übertretung verhält es sich mit der Gnade: sind durch die Übertretung des einen die Vielen dem Tod anheimgefallen, so ist erst recht die Gnade Gottes und die Gabe, die durch die Gnadentat eines Menschen Jesus Christus bewirkt ist, den Vielen reichlich zuteilgeworden.“
Deutung: Erbsünde und Sexualität
Die heutige Lesung bietet den Grund für die Reaktion der jungen Mutter, allerdings erst durch die verhängnisvolle Interpretation durch Augustinus im vierten Jahrhundert. Er interpretierte die Ursünde, die alle Menschen betrifft, als Erbsünde, die vom Heil ausschließt, und verband diese Sündentheorie mit dem Vollzug der Sexualität als vornehmlichem Ort der Sünde. Die Lust der sexuellen Verbindung war von Gott nur zugelassen zur Zeugung von Kindern, so meinte er. Für die Zukunft der ohne Taufe gestorbenen Kinder wurde dann die „Vorhölle“ erfunden, da sie nicht in den Himmel konnten, aber auch nicht in die eigentliche Hölle mussten. So hatte ich es noch in der Ausbildung gelernt, auch, dass man zur Not auch ein Kind taufen soll, wenn auch nur ein Körperteil sichtbar sei. Denn erst durch die Taufe wird das Kind zum Gotteskind.
Bei späteren Taufgesprächen hatte ich immer wieder mit diesen Fragen zu tun. Ich habe dann gesagt: Gott liebt alle Kinder, die geboren werden. Die Taufe ist das sichtbare Zeichen dafür, dass diese Liebe Gottes auch dieses Kind meint, das durch die Taufe zur Gemeinschaft derer gehört, die Jesus auf seinem Weg zum Vater nachfolgen.
Die Thesen von Augustinus zum Zusammenhang von Sünde und Sexualität ziehen sich verhängnisvoll durch die ganze Glaubensgeschichte der Kirche. Eine alte Frau bei einem Glaubensgespräch in der Gemeinde: „Die Kirche hat uns die Sexualität gestohlen!“, eine andere: „Jede Lust war schon schwere Sünde!“, eine weitere: „Die Fragen im Beichtstuhl waren dann eine Tortur.“ Bei der Vorbereitung auf das „Beichthören“ im Priesterseminar wurde die Moraltheologie von Jone grundgelegt, die grundsätzlich auf Deutsch war, nur bei den Fragen der Sexualität wechselte der Autor ins Lateinische. Wir brachten unseren Regens in Verwirrung, als wir ihn baten, das doch auf Deutsch zu übersetzen.
Die Verbindung von Sexualität und Sünde hat viele Folgen. Alle Sexualität, die nicht zur Zeugung von Kindern gedacht war, galt als schwere Sünde: Selbstbefriedigung, voreheliche Sexualkontakte, „Ehemissbrauch“ (häufige Themen bei den Beichten) usw. Manches mag überwunden sein. „Die Kirche schaut nicht mehr in die Schlafzimmer“ heißt es zum neuen kirchlichen Arbeitsrecht. Aber das sind nur erste Trippelschritte. Wieviel Verletzungen von Menschen hat z.B. die Verurteilung von Homosexualität gebracht und bringt sie noch heute! Im Katechismus wird sie noch heute schwere Sünde genannt. Ich denke an die Auseinandersetzungen um den Segen für homosexuelle Paare, um den Eiertanz, wieviel Sekunden der Segen dauern dürfe. Ich denke an die 70erJahre, wo wir in der Studentengemeinde ein offenes Wochenende zum Thema der Homosexualität gehalten haben. „Homosexuelle Treffpunkt KSG“ hing vielfach in der Uni aus. Ich habe die Anrufe und Briefe, mit Namen oder anonym noch im Kopf. Einer endete mit “Heil Hitler“.
Ich denke an das Unverständnis und die vielfache Verurteilung von Menschen mit anderen Arten der Sexualität, der Menschen, die sich im Rahmen von LGBTQIA+ wiederfinden, kurz alle queeren Menschen, die sich jetzt langsam trauen, sich als solche zu bekennen. Wieviel Unverständnis, wie vielen Vorurteilen, wieviel Verurteilungen sind sie noch heute ausgesetzt! Wie viele tiefe Verletzungen mussten und müssen sie noch erleiden!
Sicher ist das ein weltweites Geschehen, gesellschaftlich und kulturell, in manchen Ländern noch massiver als bei uns. Doch im Entstehen ist die Kirche mit der augustinischen Verbindung von Erbsünde und Sexualität, seiner Auslegung der heutigen Römer-Lesung, theologisch-ideologisch daran beteiligt. Und vor diesem Hintergrund die sexuellen Verbrechen von Kirchenleuten an jungen Menschen, ihre Verharmlosung, ihre Vertuschung, um ja nicht die Kirche damit zu beflecken… Da ist Bekehrung nötig, theologisch, kirchenamtlich, gesellschaftlich, „oben“ und „unten“, in der offiziellen Lehre und im Bewusstsein der Menschen. Unser gegenwärtiger Papst, Augustiner-Mönch, zitiert ja vielfach seinen Ordensgründer. Auf die deutliche Distanzierung von seinen Irrlehren warte ich noch. Auch das wäre ein nötiger Friedensdienst für alle, welche sexuelle Orientierung sie auch haben.
„Erbsünde“ als Deutung unserer Gegenwart
Paulus sagt uns etwas anderes zu den Menschen und ihrer Geschichte, etwas, was wir immer deutlicher sehen, worauf uns besonders die Befreiungstheologie aufmerksam gemacht hat: Jedes Kind wird in eine Welt hineingeboren, die von den strukturellen Sünden bestimmt ist, von Ungerechtigkeit und Gewalt, von Gier nach Geld und Macht. Nicht die Erfahrung der Sexualität, sondern die Apfelgeschichte, der Ungehorsam von Adam und Eva, der tödliche Bruderzwist zwischen Kain und Abel, der Turmbau zu Babel sind die biblischen Bilder für diese tödliche Verstrickung der Menschheit. In diesem System hat jeder Anteil an der Sünde als Täter, Nutznießer, Zuschauer oder Opfer, vielfach mehreres zugleich. Diese sündige Welt wird durch die Taufe nicht verändert, nicht überwunden, aber die Taufe will sagen: Es muss nicht so weitergehen, es darf nicht so weitergehen. Wer getauft ist, ist zugleich berufen, die andere Welt Gottes, seine unbegrenzte Menschenfreundlichkeit und Liebe, seine Bereitschaft zu Vergebung und Neuanfang, in seinem Leben und Verhalten wenigstens anfänglich deutlich zu machen, für andere Menschen einzustehen, wer immer es sei, der unter die Räuber gefallen ist. Das ist nicht einfach. Das führt zu Auseinandersetzungen mit den Inhabern der Macht und des Geldes. Auch eine Rehabilitierung der Sexualität als großartige Gabe Gottes für menschliche Kommunikation und Liebe gibt es erst in zaghaften Anfängen.
Evangelium
Aber da gilt der mehrfache Ruf Jesu im heutigen Evangelium: „Fürchtet euch nicht vor den Menschen! Denn nichts ist verhüllt, das nicht enthüllt wird., und nichts ist verborgen, das nicht bekannt wird…. Fürchtet euch nicht vor denen die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können … Fürchtet euch nicht! .... Wer sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen.“
Es gibt – Gott Dank! – viele Zeuginnen und Zeugen für diesen Glauben und dieses Engagement, viele, die namentlich bekannt sind, aber auch viele „kleine“ Leute, die sich eingesetzt haben und heute einsetzen für die Welt Gottes inmitten der alten Welt der Sünde, viele unter dem Einsatz ihres Lebens. Stellvertretend für alle dieses Gebet, dieses Lied von Dietrich Bonhoeffer kurz vor seiner Ermordung durch die Nazis:
Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
(1) Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.
(2) Noch will das Alte unsere Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unseren aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.
(5) Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsere Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.