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pax christi

menschen machen frieden - mach mit.

Unser Name ist Programm: der Friede Christi. 

pax christi ist eine ökumenische Friedensbewegung in der katholischen Kirche. Sie verbindet Gebet und Aktion und arbeitet in der Tradition der Friedenslehre des II. Vatikanischen Konzils. 

Der pax christi Deutsche Sektion e.V. ist Mitglied des weltweiten Friedensnetzes Pax Christi International.

Entstanden ist die pax christi-Bewegung am Ende des II. Weltkrieges, als französische Christinnen und Christen ihren deutschen Schwestern und Brüdern zur Versöhnung die Hand reichten. 

» Alle Informationen zur Deutschen Sektion von pax christi

Spiritualität

Die Versuchung Jesu und die Zumutungen des Kapitalismus

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen“ (Lk 4,12)

Am ersten Sonntag der Fastenzeit steht die Geschichte von der Versuchung Jesu in der Wüste im Mittelpunkt der Verkündigung. In drei Anläufen versucht der Teufel, Jesus zu verführen, sich auf zentrale Muster dieser Welt einzulassen, nämlich Macht zu übernehmen und zu herrschen, Reichtum und Ehre zu gewinnen. Jesus widersteht und bekennt, dass letztlich nicht die verlockenden Perspektiven dieser Weltzeit entscheidend sind, sondern Gottes Wille. In diesem Bekenntnis offenbart sich die Überzeugung, dass die Machtkonstellationen dieser Welt nicht grundsätzlich und allumfassend über den Menschen verfügen dürfen.

Die Verfügungsmacht des kapitalistischen Wirtschaftssystems über die Menschen, die einer Lohnarbeit nachgehen, gehört von Anfang an zu seinen Grundlagen. Klassisch wird das als Ausbeutung und Entfremdung beschrieben. Die Ausbeutung bedeutet, dass die Menschen, um ihr Leben zu sichern,  Bedingungen akzeptieren müssen, die sie krank machen oder krank machen können, Gefahr für Leib und Leben bedeuten und ihnen in der Regel nur ein (lebens-)notwendiger Teil der von ihnen geschaffenen Werte zugesprochen wird. Auch wenn Gesetze Arbeits- und Vertragsbedingungen regulieren, hat sich daran prinzipiell nichts geändert. Betriebssicherheit, Gesundheitsschutz und ähnliche Vorgaben mildern die Bedingungen, bewahren aber nicht vor negativen Folgen. Das wird besonders deutlich in prekären oder vertragslosen Arbeitsverhältnissen oder in den Arbeitsbedingungen in Ländern mit völlig unzureichenden Regelungen. Dort ist nicht selten auch die Bevölkerung des Arbeitsumfeldes betroffen, wie es gerade wieder beim Bruch des Staudamms einer Eisenerzmine in Brasilien harte Wirklichkeit für hunderte Menschen wurde. (vgl. z.B. Tagesschau 15.02.)

Die grundsätzliche Verfügungsmacht des Kapitalismus über Gesellschaft und Individuen schien lange Zeit begrenzt. Sie war verdeckt durch Plausibilitäten oder Auslagerungen (vgl. S. Lessenich, Neben uns die Sintflut, Berlin 2016). Für Ersteres ist das grundlegende Element der Produktion - die Arbeit - ein offenkundiges Beispiel. Da diese Arbeit nicht nur den Lebensunterhalt sichert, sondern auch die Tür für gesellschaftliche Teilhabe öffnet, ist es gesellschaftlich ein himmelweiter Unterschied zwischen „Arbeit haben“ und „etwas zu arbeiten haben“. Einerseits versucht man deshalb möglichst viele Menschen in Arbeit zu bringen („fördern und fordern“; Hartz IV), andererseits werden Menschen ohne Arbeit diffamiert. Im Kontext von Arbeit sei noch auf die „Tugend der Pünktlichkeit“ hingewiesen. Auch diese Selbstverständlichkeit wurde im Rahmen der kapitalistischen Produktionsweise nicht zuletzt dank der Einführung der Stechuhr zum Habitus.

Manche Sozialwissenschaftler gehen davon aus, dass die Durchsetzungsmacht des Kapitalismus lange Zeit im Bewusstsein der Industrienationen ausgeblendet war. Andere meinen, dass es in den Nationalstaaten möglich war, den Kapitalismus zu zähmen. Sie verweisen in der Bundesrepublik auf den „Rheinischen Kapitalismus“ - vor dem Hintergrund des Ost-Westkonfliktes - und sehen im Neoliberalismus und in der Globalisierung die Ursache für das gesellschaftliche Durchsetzen des Kapitalismus. In der Beschreibung seines gegenwärtigen gesellschaftlichen Zugriffs sind beide Blickwinkel vergleichbar.

So schreibt J. Israel 1997 in seinem Aufsatz „Neoliberaler-Kapitalismus und Marktwirtschaft“ (zitiert nach Heitmeyer S 35): „Der uneingeschränkte Markt hat eine ihm innewohnende Tendenz, alle Gebiete der Gesellschaft zu invadieren und eine Marktwirtschaft mit ihren begrenzten Funktionen in eine Marktgesellschaft zu verwandeln, wobei seine Wertungen und Handlungsmuster alternative Wertungen und Handlungsmuster außer Kraft setzen“. Dazu führt W. Heitmeyer in seinem Buch „Autoritäre Versuchungen“ (2018, S 35) aus: „Die alternativlose Durchsetzung eines Flexibilisierungszwanges, der beispielsweise eingespielte soziale Lebens- und sozialisatorische Entwicklungsmythen zerstört, gehört ebenso zum Charakter eines autoritären Kapitalismus wie gezielte Verletzungen menschlicher Integrität.“ Und Sennett hält 1998 in seinem Werk „Der flexible Mensch“ fest: „Der Markt ist … denkbar ungeeignet, um Sinn, Werte, Normen und Solidarität zu produzieren. Je weiter er in die dafür noch vorhandenen Reservate der Lebenswelt eindringt, umso mehr beschleunigt sich die Desintegration des gesellschaftlichen Lebens.“ (vgl. Heitmeyer S.47)

Einige Facetten sollen beleuchten, wie auf Menschen konkret zugegriffen wird.

Die Menschenwürde ist antastbar

Bei der Suche nach immer größerer Effektivität der Arbeit werden menschliche Grundbedürfnisse ausgehebelt. In einer Beschreibung ihres Dokumentarfilmes „Zeit ist Geld“ in Le Monde diplomatique (11.10.2018) schreibt Cosima Dannoritzer:

„Hilda, Fließbandarbeiterin bei der Tyson Fastfood-Fabrik, berichtet, dass eine Supervisorin ihre Toilettenpausen mit der Stoppuhr timt und manchmal sogar an die Tür klopft, bevor Hilda ihre Notdurft verrichtet hat. Ihrer Kollegin Maria steigen vor Wut die Tränen in die Augen, als sie erzählt, ihr und anderen bleibe nichts anderes übrig, als während der Schicht Windeln zu tragen. Obwohl sie bei der Arbeit schwitze, traue sie sich kaum, etwas zu trinken.“

 „Auch in Europa hört man von Fällen in Callcentern, an Hotelrezeptionen und auf Baustellen. In Logistikzentren von Amazon in Großbritannien fand der Journalist James Bloodworth mit Urin gefüllte Flaschen auf den Regalen. „Das Management sieht die fünf Minuten Klopause als verlorenen Profit“, erklärt der britische Journalist Jawad Qasrawi.“ Ähnlich berichtet zum Beispiel auch Elisabeth Anderson (vgl. Zeit online 14.02.2019): „Die Geflügelfirma Tyson hinderte ihre Arbeiter daran, während der Schicht auf die Toilette zu gehen.“ So lautet ihr Fazit: „indem Arbeitgeber die Verfügung über Arbeit kaufen, kaufen sie die Verfügung über Menschen“.

Alle Schutzvorschriften verhindern keineswegs, dass Arbeit krank macht. Aus einer Recherche von BuzzFeed News Deutschland (23.01.2019): „J. P. hat 30 Jahre lang Dächer eingedeckt, auf den Knien, oft auch am Wochenende. Dabei hat er sich die Knie zerstört. Arthrose, in beiden Gelenken. Lange geht es mit Schmerzmitteln gut, bis wegen der vielen Medikamente eines Tages der Magen blutet. Die Ärzte nähen ihn wieder zusammen und er arbeitet weiter als Dachdecker – „man hat ja Familie und muss auch von irgendwas leben“ – aber irgendwann geht es nicht mehr. Er hört auf, da ist er gerade 50 geworden, schlägt sich weiter als Hausmeister durch.“ Seine Gesundheit ist ruiniert. Die Anerkennung als Berufskrankheit wird ihm von der Unfallversicherung zunächst verweigert. Schließlich stirbt er vorzeitig an einer anderen Erkrankung.

 

Menschen werden Mittel zum Zweck

Trotz der Abschaffung der Sklaverei gelten Millionen von Menschen als Sklaven. Je nach Untersuchung liegen die Zahlen weltweit zwischen 12 und 45 Millionen (vgl. Global Slavery Index 2016). Würde letzteres stimmen, hieße das veranschaulicht jeder zweite in Deutschland wäre ein Sklave. Die Betroffenen sind oft Opfer von Zwangsarbeit, Organhandel, Menschenhandel und Prostitution.

Beispiele finden sich zuhauf (vgl. Tagesspiegel 06.10.2013). In Brasilien lassen Großunternehmer die Sklaven auf ihren Plantagen arbeiten. Auf Kakaofarmen der Elfenbeinküste arbeiten knapp 300 000 Kinder. In Zentralasien werden Kinder zur Baumwollernte gezwungen, und syrische Flüchtlingskinder erarbeiten sich auf Farmen im Libanon ein Auskommen für ihre vor dem Bürgerkrieg geflohenen Familien. Im Konflikt zwischen dem Sudan und dem inzwischen unabhängigen Südsudan sind zehntausende Südsudanesen versklavt worden. Ärmere Familien in Haiti und der Dominikanischen Republik verkaufen ihre Kinder an reiche Haushalte, damit diese dort als Hilfskraft verbleiben („rester avec“). Und in Afghanistan ist die Tradition lebendig, Jungs in Mädchenkleider zu stecken. Als „Battscha Bazi“ sollen die Kinder Männer mit Tänzen erfreuen – und oft darüber hinaus für sexuelle Dienste zur Verfügung stehen. In Bangladesch schuften 300.000 Kinder in den Haushalten der Mittelklasse – viele von ihnen sind Sklaven. Die Großbaustellen für große Sportereignisse sind voll von Arbeits-sklaven. In Ländern wie Indien, Pakistan oder China geht die Zahl der Sklaven in die Millionen.

Auch die Bundesrepublik gehört in die lange Liste der Sklaverei. (vgl. ARD-alpha 10.10.2017) Das Bundeskriminalamt berichtet für das Jahr 2017, dass immer mehr Menschen Opfer von Menschenhändlern werden. Demnach wurden im vergangenen Jahr 671 Menschen in Deutschland sexuell ausgebeutet, zur Arbeit oder etwa auch zum Betteln gezwungen. Und nicht nur in armen Ländern werden Kinder für den Sexhandel ausgebeutet. In Berlin hat ein Mann 13-Jährige im „Darknet“ für Sex angeboten. Der 36-Jährige habe sich zumeist als gleichaltrig ausgegeben und im Chat in sozialen Netzwerken sexuell auf 20 Kinder eingewirkt.  Das Geschäft mit der Handelsware Mensch boomt. Diese global oft übersehene Tragödie betrifft alle Kontinente. Ob Arbeits- oder Sexsklaven, Menschen zur Organentnahme, zur Heirat oder Adoption: wer zahlt, dem wird geliefert. Jährlich werden so im Windschatten der Globalisierung mehr als 2,4 Millionen Menschen wie Ware gehandelt, müssen die schlimmsten Formen wirtschaftlicher Ausbeutung erfahren und brutalste Verletzungen ihrer Menschenrechte hinnehmen. Die Gewinne aus dem Menschenhandel werden weltweit auf 32 Milliarden US-Dollar geschätzt – jährlich. (Vgl. Reset: Handelsware Mensch im 21.Jhdt.)

 

Im Blick auf die Arbeitssklaven eröffnet sich noch ein ganz anderer Blick auf den hochpolitischen Streit in den USA um den Mauerbau an der mexikanischen Grenze. In „unsere Zeit“ heißt es: „Und auch ohne Mauer verhungern und verdursten jedes Jahr Hunderte in der Wüste oder werden Opfer von Gewalt. Der Zweck der Mauer besteht nicht darin, Menschen daran zu hindern, ins Land zu kommen, die US-Wirtschaft ist auf migrantische Arbeitskräfte angewiesen. Das Ziel ist vielmehr, die Einwanderer zu einem Schattendasein zu zwingen, in dem sie ihre Menschenrechte nicht einfordern können.“

 

In einer Untersuchung (vgl. Studie des Deutschen Institutes für Menschenrechte 2017) über schwere Arbeitsausbeutung heißt es: „Eine besondere Situation ergibt sich für die sogenannten Live-Ins, die in Privathaushalten gemeinsam mit den Arbeitgeber* innen leben und ihnen quasi 24 Stunden zur Verfügung stehen. Sie ist laut Expert*innen in der Praxis weit verbreitet und führt dazu, dass persönliche Bedürfnisse der Betroffenen wie Erholung, Schlaf und Essen oftmals zurückgestellt werden oder es sich aufgrund der Vielzahl von Aufgaben kaum Zeit findet, ihnen nachzugehen.“  „Klar, zwischendurch kann man sich hinlegen, aber im Endeffekt sind sie ja die ganze Zeit gebunden an die älteren Menschen und können nicht raus. Sie wollen das Geld [Lohn] nicht in einem Monat und nicht in zwei Monaten und nicht in zehn Jahren, sondern sie brauchen das Geld jetzt, weil sie jetzt die Familien ernähren müssen und die Kosten tragen.“

Notlangen und Unwissenheit werden ausgenutzt: „Für die Reinigung in einem bekannten Berliner Hotel erhält Frau P. laut Vertrag pro gereinigtes Zimmer 2,25 € brutto. … Die Beraterin errechnete, dass der Stundenlohn von Frau P. in etwa 3,05 € bis 3,07 € netto beträgt. Der von der Ausländerbehörde festgelegte Pflichtunterhalt liegt bei rund 850,00 €. Um diesen Betrag zu verdienen, muss sie somit zwischen 67 und 70 Stunden pro Woche arbeiten…“ (vgl. Studie DIMR)

Der Tod als Kollateralschaden des Systems

Jean Ziegler hat die Spuren des Todes, die unser System hervorbringt, als Mord bezeichnet: „Die Weltlandwirtschaft könnte problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren. Das heißt, ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet.“ (Hamburger Abendblatt, 27.07.2011)

Folgende Beispiele seien hinzugefügt.

·         Vor gut zehn Jahren schreckten zahlreiche Selbstmorde von indischen Bauern auf, die den Bedingungen der indischen Zollpolitik und des veränderten Saatgutes nicht mehr gewachsen waren.  In der Provinz Vidarbha im Nordosten des Staates Maharasthra nahm sich statistisch gesehen alle acht Stunden ein Landwirt das Leben. Das hat die Selbsthilfegruppe "Vidarbha Jan Andolan Samiti" errechnet; kürzlich meldete sie den 1000. Bauern-Selbstmord wegen Überschuldung seit Mitte 2005. (Spiegel Online 12.11.2006) Es soll auch an die über 100 Toten beim Brand der völlig unzureichend gesicherten Kleiderfabrik in Bangladesch erinnert werden. (Zeit Online, 25.11.2012)

·         Menschen sterben, weil Medikamente zu teuer sind (SZ 25.02.19): „Drei Tage bevor Alec Raeshawn Smith seinen Gehaltsscheck bekommt, stirbt er. Er stirbt, weil er kein Geld mehr hat, um seine Medizin zu bezahlen. Er wurde 26 Jahre alt. Alec litt wie Millionen anderer Menschen an Diabetes Typ1. Sein Körper produzierte kein Insulin, er musste sich das Hormon regelmäßig aus kleinen Fläschchen spritzen. Ein Massenprodukt, das er sich nicht mehr leisten konnte.“

·         Aus Hannover wird berichtet: „Mitte Februar wird in Hannover die Leiche eines Obdachlosen gefunden, zusammengekauert an einem Gebäude. Es ist Jürgen N., der kurz vor seinem 65. Geburtstag gestorben ist. Zwei Jahre zuvor war der ältere Mann aus seiner Wohnung in Hannover geworfen worden - obwohl er immer seine Miete bezahlt hatte. Nur: N. war auf Betrüger hereingefallen.“ (vgl. der Westen 23.02.2019)

Der Mensch wird optimiert

Aber Menschen werden durch Macht nicht nur ausgepresst oder in den Tod getrieben werden, die Gesellschaft und dieses System prägen uns. Es geht dabei sowohl um Verhaltensmuster und Wertvorstellungen, die uns als plausibel gelten, wie auch um Auffälligkeiten. Zu den Prägungen unserer kapitalistisch bestimmten Gesellschaft gehören zum Beispiel:

·         der Fortschrittsglaube,

·         die Bedeutung von Arbeit,

·         der Anspruch von effektivem Handeln,

·         aber auch die Ausbreitung des narzisstischen Selbstbildes.

Diese Prägungen werden aber vom Zukunftsszenario des wirtschaftlichen, militärischen und wissenschaftlichen Komplexes in den Schatten gestellt, der uns den genoptimierten Menschen verspricht.

Thomas Assheuer schreibt in „Die Zeit“ am 5. Dezember 2018, dass der chinesische Forscher He Jiankui uns das vor Augen geführt hat , wenn er berichtet, er habe das gesammelte biotechnische Wissen zur Anwendung gebracht zu haben und die Zwillingsschwestern Lulu und Nana genetisch so verändert, dass sie gegen Aids immun sein sollen.

Ob es gelungen ist oder nicht, die Öffentlichkeit weiß nun, was gentechnisch möglich werden könnte. Sie muss zur Kenntnis nehmen, dass die Logik der Biowissenschaft keine äußere oder innere ethische Grenze kennt und ihre Selbstregulierung wohl kaum durchgehalten wird. „Sie weiß jetzt, dass der Wille, die Gentechnik am ungeborenen Menschen auszuprobieren, nur auf seine Selbstverwirklichung gewartet hat.“

Und weiter führt Assheuer aus: „Lebenswissenschaftler tragen ihren Namen also völlig zu Recht. Sie werden künftig nicht mehr bloß neugierig im Buch des Lebens blättern, sie werden es lektorieren, redigieren und umschreiben können. Mit der Genschere Crispr haben sie ein Instrument in der Hand, um den Text der Evolution selbst zu verändern. Wir stehen, schreibt die amerikanische Molekularbiologin Jennifer Doudna, "an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter, in dem wir die Herren über die genetische Ausstattung allen Lebens sein werden". Doudna muss es wissen. Sie hat die Genschere Crispr mitentdeckt.“

Er kommentiert dann: „Der Schock besteht darin, dass ein Forscher zum ersten Mal in der Geschichte etwas Ungeheures getan hat: Er hat in den pränatalen Anfang eines Menschenlebens eingegriffen und ihn neu programmiert. He Jiankui hat die Grenze zwischen Gewachsenem und Gemachtem überschritten, die Grenze zwischen dem genetischen Zufall der Natur und einem vom Menschen hergestellten Gegenstand. Auch wenn es über Menschenbilder immer uferlos Streit gab, so war doch eines unstrittig: Der Mensch ist keine Sache; die Würde der Person und die Unverfügbarkeit ihrer innersten Natur bilden eine unauflösliche Einheit. Genau das ist nun Geschichte.“

Damit würde wohl die bisherige Menschheitsgeschichte mit ihren Erfahrungen, ihren Suchbewegungen, mit ihren Überzeugungen und Werten, mit ihren Philosophien und Religionen weitgehend ad acta gelegt. Es ist zu erwarten, dass in unsere Lebensgrundlagen eingegriffen wird, ohne dass wir die komplexen Zusammenhänge auch nur annähernd begriffen haben.

 

„Du sollst dem Herrn, deinem Gott anbeten und ihm allein dienen“ (Lk4,8)

In der Versuchungsgeschichte Jesu dokumentieren die Evangelisten, dass er sich weigert, sich auf die Machtverhältnisse dieser Welt einzulassen. Letztlich führt diese Weigerung zu seinem Tod.

Bis jetzt wurde bisher kein Weg gefunden, der dieses Gesellschaftssystem aufbricht. Das „Nein“ Jesu wie auch die Zerstörungskraft des Systems können aber beflügeln, ihm zu widersprechen. Christen können aufzeigen, dass sie nicht einverstanden sind. Aus der christlichen Tradition sollen zwei Beispiele genannt werden, an denen der Widerspruch zu diesem zerstörerischen System symbolisch und auch exemplarisch verdeutlicht werden kann.

·         Die gegenwärtige Fastenzeit wird oft individuell dafür genützt, die eigenen Gewohnheiten zu hinterfragen, beispielhaft deutlich zu machen, dass ich nicht von bestimmten Dingen (Alkohol, Spiele, Fernsehen usw.) abhängig bin, oder auch kurz gesagt, um Leib und Seele zu erneuern. Wenn man einen Schritt weiter geht, lässt sich in dieser Zeit demonstrieren, dass die ganze Warenwelt, die zur Schaffung von Gewinn und Reichtum hergestellt wird und von unserem Konsum aufrechterhalten wird, nicht den Menschen und ihren Bedarfen dient. Es geht in dieser Zeit um unsere Verstrickung in die Lebensverhältnisse dieser Welt, dieser Gesellschaft und die Hoffnung, dass diese durchbrochen werden kann.

Diese Hoffnung hat ihren Grund in dem Handeln Gottes, an das in Auferstehungsfeier der Osternacht erinnert wird.  Die Erinnerung an die Schöpfung, an die Befreiung aus dem Sklavenhaus Ägyptens, an den Neuanfang nach dem babylonischen Exil und im Zentrum an die Auferweckung Jesu vergegenwärtigt diese und begründet aufs Neue den Glauben der Christen. Auferstehungsfeier ist das Bekenntnis, dass in Jesus Christus das Leben den Tod besiegt hat, dass die schuldhaften Verhältnisse dieser Welt aufgebrochen sind. Die Taufe ist für jeden Christen das Ereignis, die ihn daran Anteil haben lässt. So ist die Taufwasserweihe und die feierliche Tauferneuerung wesentliches Element der österlichen Liturgie. Vor dem Bekenntnis zum Gott und Vater Jesu Christi steht mit aller Wucht das dreifache „Ich widersage“, also die Absage an die Verführungsmacht des Satans, das heißt auch an alle verführerischen und todbringenden Mächte dieser Welt. Vor ihrer Verfügungsmacht muss man nicht resignieren, wir können im Namen Jesu Widerspruch einlegen. Wir haben vielleicht keinen Hebel, sie zu verändern, aber wir können zeigen, dass wir diese totbringenden Verhältnisse nicht akzeptieren, und wir werden uns für ein Leben in Fülle für alle Menschen einsetzen.

·         Die Allianz für den freien Sonntag setzt sich seit einigen Jahren gezielt dafür ein, dass der Sonntag nicht Produktions- oder Konsuminteressen geopfert wird. Der Sonntag als Tage der Ruhe von und Unterbrechung der Arbeit gerät immer mehr unter den Druck der ökonomischen Verwertung. In den vergangenen Jahren wurde expandierend der Anspruch gestellt, die Geschäfte zu öffnen. In der Erklärung der Allianz im Saarland im Jahr 2018 heißt es: „Diese Erfahrung soll die Gesellschaft jeden Sonntag machen können, indem sie innehält und aufatmet. Der Sonntag dient der Entschleunigung. Er ist der Tag in der Woche, an dem die Bedürfnisse der Religion und der Kultur, nicht zuletzt der Familie, der Vereine und des Einzelnen vor den Interessen der Wirtschaft stehen. Als eine der ältesten Traditionen der Menschheit macht ihn dies gerade in einer immer hektischer werdenden Zeit besonders wertvoll.“

Wer darauf besteht, dass der Sonntag nicht den Verwertungsinteressen unseres kapitalistischen Systems geopfert wird, protestiert gegen seine allgegenwärtige Vereinnahmung. Er besteht darauf, dass das Leben und die Würde des Menschen in der Gefräßigkeit des Systems nicht zu retten ist. Die Zeitunterbrechung macht deutlich, wir sehen seinen Verwertungs- und Machtanspruch und sind nicht bereit ihn gelten zu lassen. Im Lukasevangelium sagt Jesus: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“. Einem System, dass weder das Brot für alle zur Verfügung stellt noch menschliches Leben in all seinen Facetten ermöglicht, muss widersprochen werden. Das Bestehen auf Unterbrechung dokumentiert, wir wollen weder unsere menschliche Existenz noch unsere Erde dieser Krake opfern.

                                                                                                             Albert Hohmann